Studie bestätigt gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzen des Zivildienstes

Neue Studie zum Zivildienst vorgestellt
Foto: BMLRT / Paul Gruber

Der Zivildienst hat eine große Bedeutung für Österreich, sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich. Eine neue Studie der Wirtschaftsuniversität Wien bestätigt, dass der Zivildienst positive Wirkungen in Höhe von rund einer Milliarde Euro pro Jahr mit sich bringt.

Über 14.000 junge Männer setzten sich 2020 im Rahmen des Zivildiensts für die Gesellschaft ein. Dieser Dienst ist eine wichtige Säule unserer Gesellschaft. Das bestätigt nun eine neue Studie des NPO-Kompetenzzentrums der Wirtschaftsuniversität im Auftrag der Zivildienstserviceagentur. Sie beschäftigt sich mit der Frage, welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen es hätte, wenn es das derzeitige Zivildienst-System nicht mehr gäbe.

„Wer Zivildienst leistet, hilft nicht nur seinen Mitmenschen, sondern leistet einen unverzichtbaren Dienst für die gesamte Gesellschaft. Eine neue Studie der WU Wien belegt den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen des Zivildienstes in Österreich: Die Einrichtungen könnten ihre Leistungen ohne den Zivildienst nicht aufrechterhalten. Außerdem würden sich 90 Prozent der befragten Zivildiener wieder für den Zivildienst entscheiden. Diese Ergebnisse zeigen eindeutig, wie wichtig und unverzichtbar der Zivildienst für unser Land ist.“

Zivildienstministerin Elisabeth Köstinger

Die Studie zeigt, dass die Gesellschaft vom Zivildienst sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht profitiert. So trägt der Zivildienst zum Beispiel zu sozialer Kompetenz, Resilienz und Toleranz in der Bevölkerung bei. Ohne ihn würden aber auch hohe Kosten für die Einrichtungen, Gemeinden und Länder entstehen. Zusätzlich wäre damit zu rechnen, dass die Einrichtungen ihre Leistungen nicht mehr vollständig oder in dieser Qualität erbringen könnten. Misst man diesen positiven Wirkungen einen Geldwert zu, beträgt dieser rund einer Milliarde Euro pro Jahr.

„Der Zivildienst bringt den Menschen in Österreich ökonomisch und sozial positive Wirkungen in Höhe von rund einer Milliarde Euro pro Jahr. So werden von 14.600 Zivildienern knapp 13 Millionen Leistungsstunden überwiegend im Rettungsdienst und der Pflege und Betreuung erbracht. Dazu kommen noch 4,3 Millionen Stunden an Freiwilligenarbeit über 10 Jahre. Insgesamt sind das umgerechnet rund 2240 Jahre durchgehende Arbeit.“

Studienleiter Christian Grünhaus (WU)

Soziale Wirkungen des Zivildiensts

Einige der positiven Wirkungen des Zivildiensts auf die Gesellschaft haben damit zu tun, wie die Zivildiener selbst vom Zivildienst profitieren. 90% der befragten Zivildiener würden sich wieder für den Zivildienst entscheiden und sie berichten von vielfältigen Kompetenzen, die sie durch ihren Dienst erworben haben: Rund 74 Prozent gaben an, dass sie gelernt haben, besser auf unbekannte Situationen zu reagieren. 73 Prozent haben gelernt, besser mit Kundinnen und Kunden oder Patientinnen und Patienten umzugeben. 72 Prozent haben ein besseres Verständnis für kranke und ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung entwickelt und 71 Prozent können sich nun besser in andere Menschen hineinversetzen. Außerdem berichten viele von mehr Fachwissen, einer größeren Belastbarkeit, mehr Teamfähigkeit, Eigenverantwortung, praktischen Fähigkeiten und vielen weiteren Kompetenzen. (Zahlen gerundet, nach Angaben der Zivildiener) Die Zivildiener nehmen also sehr viel Positives aus ihrem Zivildienst mit. Davon profitiert auch ihr direktes Umfeld und die ganze Gesellschaft. Diese große Anzahl an jungen Männern, die mit mehr sozialen Kompetenzen und mehr Sensibilität für benachteiligte Gruppen aus dem Zivildienst kommen, wirkt sich positiv auf die Gesellschaft aus. Misst man diesen sozialen Effekten einen Geldwert zu, kommt man laut Berechnungen der Studie auf 115 Millionen Euro.

Zivildienst als Türöffner ins Ehrenamt

Ein sehr wesentlicher positiver Aspekt des Zivildiensts ist seine Funktion als Türöffner ins Ehrenamt: 30,5 Prozent der Zivildiener bleiben im Anschluss als Ehrenamtliche in der Einrichtung. 5,6 Prozent beginnen, hauptamtlich dort zu arbeiten. Im Jahr 2019 führte das zu hochgerechnet 4.471 zusätzlichen Ehrenamtlichen in den gemeinnützigen Einrichtungen. Nach zehn Jahren sind noch durchschnittlich 18 Prozent der ehemaligen Zivildiener ehrenamtlich in der Einrichtung tätig. So ergeben sich über einen Zeitraum von zehn Jahren in Summe etwa 4,3 Millionen zusätzliche ehrenamtliche Stunden des Zivildienstjahrgangs 2019. Der Zivildienst ist also ein nachhaltiger Einstieg in das für unsere Gesellschaft so wichtige freiwillige Engagement.

Wirtschaftliche Effekte des Zivildiensts

Würde der Zivildienst wegfallen, müssten die Einrichtungen Lösungen finden, um die Leistungsstunden der Zivildiener anderweitig abzudecken. Die Einrichtungen geben an, etwa 73 Prozent der Leistungsstunden aufrechterhalten zu wollen. Dies müsste durch neue hauptamtliche oder ehrenamtliche Mitarbeitende sowie durch Mehrarbeit bestehenden Personals erreicht werden. Dafür würden den Einrichtungen höhere Kosten entstehen. Gleichzeitig müssten die Einrichtungen 27 Prozent der Leistungsstunden wegfallen lassen, ihre Leistungen also deutlich reduzieren. Das würde sich auf das Ausmaß und die Qualität der Betreuung auswirken, was negative Effekte auf die allgemeine Bevölkerung zur Folge hätte. Die Zivildiener bestätigen die Angaben der Einrichtungen: 68% sind der Meinung, dass ihre ehemalige Einrichtung die angebotenen Leistungen ohne Zivildiener schlechter erbringen könnte. Auch über die von Zivildienern geleisteten Stunden hinaus gäbe es negative Effekte: Die die jungen Männer bleiben nach dem Zivildienst häufig als Ehrenamtliche in der Organisation, die Einrichtungen rechnen aber nicht damit, dass sie diese Ehrenamtlichen im gleichen Ausmaß durch andere neue Ehrenamtliche ersetzen könnten, wenn der Zivildienst wegfallen würde. Das würde über einen Zeitraum von 10 Jahren zu einem Verlust von etwa 31,7 Millionen Ehrenamtsstunden führen.

Fazit der Studie

Die Studie rechnet positive und negative Wirkungen des Zivildiensts gegeneinander auf und kommt zu dem Ergebnis, dass die positiven Effekte des Zivildienstes die Kosten und negativen Effekte weit übersteigen, nämlich um insgesamt 679 Millionen Euro. Dabei profitiert in erster Linie die Gesellschaft. Während ihr durch den Zivildienst keine Kosten entstehen, kommt es zu vielfältigen positiven ökonomischen und sozialen Wirkungen, die insgesamt rund 74,5 Millionen Euro ausmachen.

Einen großen Teil der positiven Wirkung des Zivildiensts macht dabei der Effekt des Zivildiensts auf das ehrenamtliche Engagement aus. Dieser wird auf rund 630 Millionen Euro geschätzt. Würde der Zivildienst abgeschafft werden, müssten die Einrichtungen zusätzliche Hauptamtliche anstellen, was sie rund 117 Millionen Euro kosten würde. Die Kosten, die den Einrichtungen in diesem Fall entstehen würden, müssten zum Großteil von der öffentlichen Hand getragen werden. Dadurch hätten Länder und Gemeinden mit erheblichen Zusatzkosten zu rechnen. Zusätzlich müssten die Einrichtungen auch ihr Leistungsangebot wesentlich verringern, und zwar im Umfang von rund 712 Millionen Euro. Dieser Leistungswegfall würde sich negativ auf die Gesellschaft auswirken.

Methodik der Studie

Für die Analyse wurde ein Zivildienstszenario (Zivildienst existiert) mit einem Alternativszenario (Zivildienst wurde Ende 2018 ersatzlos abgeschafft) verglichen. Hierfür wurde eine erweiterte Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt, die auch soziale Wirkungen einschließt. Als Referenzjahr wurde das Jahr 2019 gewählt. Für die Datenerhebung wurden Fragebögen von rund 3.000 Zivildienern und 732 Zivildienst-Einrichtungen ausgewertet. Darüber hinaus wurde auf Daten einer Vorgängerstudie aus dem Jahr 2012, auf Daten des AMS und der Zivildienstserviceagentur zurückgegriffen.