Wasserstand am Neusiedler See weiterhin auf saisonalem Rekordtiefstand

Ruster Bucht am 30. Jänner 2022. Wasserstand Neusiedler See
Foto: Andreas Penias

Seit Monaten fallen die Niederschläge im Osten Österreichs und im Einzugsgebiet des Neusiedler Sees unterdurchschnittlich aus. Infolgedessen wurden im März neue Rekordtiefstände des Wasserstands des Neusiedler Sees erreicht, und die Situation hat sich seitdem nicht entspannt.

Wasserverfrachtung im Jänner als Vorbote eines außergewöhnlichen Jahres

Noch sind die Bilder aus der Ruster Bucht vom 30. und 31. Jänner 2022 in lebhafter Erinnerung. Ein Weststurm mit hoher Windstärke hatte das Wasser aus der Ruster Bucht in Richtung des offenen Sees verfrachtet. Über weite Bereiche der Bucht wurde der Schlammboden freigelegt und sichtbar (Titelbild).

Die Schlammoberfläche kam sowohl in den ufernahen Bereichen des Seebades Rust, als auch im nordwestlichen Bereich der Ruster Bucht zum Vorschein. Die Bilder dazu gingen durch die (sozialen) Medien und führten deutlich vor Augen, dass es um den Wasserstand nicht gut bestellt ist und die Nutzung des Sees für den Tourismus in Gefahr ist, in erster Linie aufgrund ausbleibender Niederschläge in den letzten Monaten.

Neue saisonale Rekordtiefstände des Wasserstands

Langzeitvergleich Wasserstand des Neusiedler Sees mit den Wasserständen des Jahres 2021 (grün) und 2022 (blau) (Quelle: Wasserportal Burgenland)
Abbildung 2: Langzeitvergleich Wasserstand des Neusiedler Sees mit den Wasserständen des Jahres 2021 (grün) und 2022 (blau) Foto: Wasserportal Burgenland

Tatsächlich weist der Neusiedler See aktuell (12. April 2022) einen besorgniserregend tiefen mittleren Wasserstand von 115,23 m ü.A. auf (Abbildung 2). Seit dem 9. März 2022 unterschreitet der Wasserstand den bisher erfassten Schwankungsbereich, der seit 1965 durch Messungen erfasst wurde. Das heißt, seit dem 9. März 2022 werden Wasserstände erfasst, die saisonal betrachtet noch nie so tief waren.

Niedrige Niederschläge als Hauptursache

Abbildung 3: Monatliche Gebietsniederschlagssummen im Einzugsgebiet des Neusiedler Sees (1.164km²) für das langjähri-ge Mittel (grau), das Jahr 2021 (grün) und das Jahr 2022 (blau).
Abbildung 3: Monatliche Gebietsniederschlagssummen im Einzugsgebiet des Neusiedler Sees (1.164km²) für das langjährige Mittel (grau), das Jahr 2021 (grün) und das Jahr 2022 (blau). Foto: BMLRT/Abt. I/3

Der Neusiedler See wird in seiner Wasserbilanz hauptsächlich durch den Niederschlag und die Verdunstung geprägt. Daraus leitet sich auch ab, dass maximale Wasserstände im Frühjahr (Ende April) auftreten, nach erfolgtem Anstieg durch die Winterniederschläge und vor dem Einsetzen der Verdunstung. Minimale Wasserstände treten nach extremer Verdunstung im Sommer typischerweise Ende September auf, wenn die Verdunstung wieder abnimmt.

Die gegenwärtige Situation am Neusiedler See lässt sich ausgehend von schon unterdurchschnittlichen Verhältnissen zu Beginn des Jahres 2021 in erster Linie durch außergewöhnlich niedrige Niederschlagssummen in den letzten Monaten erklären (Abbildung 3). Im Jahr 2021 wurden von den im langjährigen Mittel zu erwartenden circa 600 mm Gebietsniederschlag nur circa 440 mm erreicht, besonders trocken war es dabei im Herbst letzten Jahres. Allerdings war insbesondere auch der Juni 2021, der drittwärmste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, extrem trocken, so dass hohe Verdunstung zu einem starken Abfall des Wasserstandes führte, welcher bis heute nicht durch Niederschläge kompensiert werden konnte.

Dieses Jahr wurden in den ersten drei Monaten von den im Mittel zu erwartenden circa 90 mm Gebietsniederschlag nur knapp über 30 mm erreicht. Die Gebietsniederschläge der letzten sechs Monate (Oktober 2021 bis März 2022) erreichten nicht einmal die Hälfte langjährigen Mittels.

Prognosen deuten auf die Möglichkeit weiterer Rekordminima im Verlauf des Jahres hin

Abbildung 4: Prognoseberechnung für den Wasserstand durch (A) Direktion für Wasserwesen in Györ und (B) BOKU
Abbildung 4: Prognoseberechnung für den Wasserstand durch (A) Direktion für Wasserwesen in Györ und (B) BOKU Foto: Wasserportal Burgenland

Prognoseberechnungen für den Niederschlag und die Temperatur werden seitens der Direktion für Wasserwesen in Györ (Balázs Gyüre) jährlich viermal, also alle drei Monate für einen Zeitraum von jeweils fünf Monaten durchgeführt. Diese Prognosen stützen sich auf Mittelfrist- und Langzeitprognosen des Ungarischen Wetterdienstes hinsichtlich der Parameter Niederschlag und Temperatur. Ausgehend vom 1. März 2022 ergibt sich daraus für den 1. August 2022 im ungünstigen Fall ein Wasserstand von circa 115,00 m ü.A. (Abbildung 4, Prognose A). In der günstigsten Prognose können die bisherigen Minima gerade noch gehalten werden.

Die Universität für Bodenkultur BOKU (DI Gerhard Kubu) hat auf Grundlage von Niederschlagsprognosen aus dem Projekt AGROFORECAST (16 Ensembles) den Gebietsniederschlag für den Zeitraum vom 1. März 2022 über vier Monate bis zum 1. Juli 2022 berechnet. Zusammen mit Datensätzen für den Zufluss und der Verdunstung des Sees aus der jährlich ermittelten Wasserbilanz wurden Prognosen für den Wasserstand erstellt (Abbildung 4, Prognose B). Die ungünstigsten Prognosen liefern einen mit den Prognosen der Direktion für Wasserwesen in Györ vergleichbar niedrigen Wasserstand, jedoch bereits einen Monat früher. Der bisherige Verlauf des Wasserstandes seit dem 1. März 2022 entspricht in etwa einer mittleren Prognose nach den Berechnungen der BOKU beziehungsweise der ungünstigsten Prognose nach den Berechnungen der Direktion für Wasserwesen in Györ.

Der aktuelle Wasserstand (der 23 cm unter jenem des Vorjahres, 37 cm unter dem mittleren Niveau und sogar 70 cm unter dem maximalen Wasserstand im Jahr 1996 liegt) sowie die präsentierten Prognosen geben Anlass zur Sorge, dass dieses Jahr noch weitere, extremere Minima beschritten werden und eine Austrocknung des Sees wieder zu einem möglichen Szenario wird.

Kontakt:

BMLRT, Abt. I/3 Wasserhaushalt
Email: wasserhaushalt@bmlrt.gv.at

Hydrographischer Dienst Burgenland
DI Karl Maracek
Email: karl.maracek@bgld.gv.at

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